Impuls zu MT 16 - 20

Evangelium: Mt 28,16-20 †

Aus dem heiligen Evangelium nach Matthäus. In jener Zeit gingen die elf Jünger nach Galiläa auf den Berg, den Jesus ihnen genannt hatte. Und als sie Jesus sahen, fielen sie vor ihm nieder, einige aber hatten Zweifel. Da trat Jesus auf sie zu und sagte zu ihnen: Mir ist alle Vollmacht gegeben im Himmel und auf der Erde. Darum geht und macht alle Völker zu meinen Jüngern; tauft sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes  und des Heiligen Geistes und lehrt sie, alles zu befolgen, was ich euch geboten habe. Und siehe, ich bin mit euch alle Tage bis zum Ende der Welt. So weit die Worte des heiligen Evangeliums; es sind Worte Ewigen Lebens.

 Impulse zum Nachdenken:

Seit 40 Tagen befinden sich die Jünger Jesu im absoluten Ausnahmezustand: Sie versuchen, seinen Tod und seine Auferstehung zu verarbeiten. Sie sind mit dem ständigen Erscheinen des Auferstandenen konfrontiert. Und dann wird er vor ihren Augen in den Himmel emporgehoben! Wieder stehen sie vor einer neuen Situation und Herausforderung. Da war endlich einer, der den Menschen Gott nahebringen konnte. Der alle Menschen wichtig nahm und dessen Sprache alle verstehen konnten. Der das Reich Gottes auf die Erde gebracht hat. Mit dem man reden, fühlen, denken konnte - eben einer, der auch Mensch war. Und nun müssen die Jünger ihn loslassen, ihn ziehen lassen - ohne genau zu wissen, wie es weitergehen wird. 
 Wir wissen, wie schwer das ist: loszulassen, ohne auf Sicherheiten bauen zu können. Nicht umsonst haben Politiker wie Trump und Parteien wie die AfD  Erfolg. Sie setzen auf die zunehmende Verunsicherung der Menschen und ihr Bedürfnis nach Sicherheit im eigenen Leben und im eigenen Land. Sie bedienen dieses Bedürfnis mit vielversprechenden Parolen und Verallgemeinerungen. Seit den Flüchtlingszuströmen im Jahr 2015 steht die Sicherheit ganz oben auf der Liste der wichtigsten politischen Aufgaben. Sicherheit toppt alles. Bildungspolitik, Klimaschutz, Arbeitslosigkeit, soziale Gerechtigkeit - alle diese Themen werden vom Thema Sicherheit verdrängt, auch wenn zurzeit die Corona-Pandemie in den Vordergrund gerückt ist . Die Bürgerinnen und Bürger unseres Landes möchten Sicherheit im umfassenden Sinn: Sicherheit vor Gewalt, vor Krieg und vor Einbrüchen, aber auch Sicherheit für die eigene Zukunft, die 80 Prozent der Menschen als nicht planbar und deshalb bedrohlich erscheint. 
 Und auch im privaten, alltäglichen Leben fällt uns das Loslassen, das Leben mit Unsicherheiten, schwer: Das Loslassen eigener Wünsche und Vorstellungen. Das Loslassen der eigenen Kinder. Das Loslassen von Gewohnheiten, wenn es etwa um den Klimaschutz geht.  
 
Auch das Loslassen von Perfektionismus und Kontrolle ist eine Herausforderung. Etwas loszulassen wird immer dann schwierig, wenn noch keine neue Sicherheit greifbar ist. Wenn die Kinder aus dem Haus gehen, ist eben nicht immer klar, dass ihr Weg gut und erfolgreich werden wird. Wenn ich etwas aus der Hand gebe, was ich bisher immer selbst erledigt habe, dann ist eben nicht sicher, dass es so klappt, wie ich es mir vorstelle. Wenn jemand aus einem unguten Arbeitsverhältnis ausbricht und sich einen neuen Job sucht, dann ist eben nicht sicher, ob die nächste Arbeitsstelle ein Erfolg wird.  Aber: Es gibt oft keine Alternative zum Loslassen. Wenn wir lebendig bleiben und uns weiterentwickeln möchten, dann müssen wir loslassen. 
 Das Evangelium kann uns dabei Halt geben. Jesus lässt seine Jünger nicht im Stich. Er lässt sie nicht allein im Leben zurück. Seine Erscheinungen als Auferstandener versichern sie seiner Gegenwart - und entwöhnen sie zugleich Stück für Stück von seiner täglichen Gegenwart. Bevor er in den Himmel aufsteigt, verspricht er ihnen seinen Beistand, seinen Geist, der sie zuverlässig begleiten wird. So wird Christi Himmelfahrt zur Vorbereitung auf das Pfingstfest. Dem Heiligen Geist wird der Weg geebnet. Die Jünger müssen Jesus loslassen, damit dieser neue göttliche Beistand an ihre Seite treten kann. 
 Glaube bedeutet, an etwas festzuhalten, das man nicht greifen kann. Glaube ist ein Halt, den wir nicht festhalten können. Es ist ein bisschen so, wie wenn wir in einer schwierigen oder aufregenden Situation stecken und jemand uns zusagt: „Ich zünde eine Kerze für dich an.“ Wir selbst sehen diese Kerze nicht, aber zu wissen, dass sie leuchtet und dass jemand an mich denkt, das gibt Kraft. Wir erleben: Beistand ist nicht nur im direkten Kontakt möglich, er „funktioniert“ auch anders. Seit Christi Himmelfahrt sind wir gefragt, wie damals die Jünger Jesu. Wie führen wir Jesu Wirken nach seinem Weggang fort? Sind wir uns dabei seines Beistandes bewusst? Gelingt es uns, hier und da für ein Stück „Himmel auf Erden“ zu sorgen? 
 „Mich schickt der Himmel“, heißt die Jugendaktion des Bundes der Deutschen (Römisch) Katholischen Jugend. Da tun alle paar Jahre Tausende von Jugendlichen in ganz Deutschland 72 Stunden lang Gutes. Sie engagieren sich in sozialen Einrichtungen und lassen sich Projekte einfallen, die hilfreich für die Gesellschaft sind. Sie lassen Schranken fallen und schenken ihre Zeit. Mitten im Leben den Himmel auf Erden zu bereiten und als Jüngerinnen und Jünger wirksam zu werden - das ist unser Auftrag. „Dich schickt der Himmel“ - wenn andere unser Dasein so empfinden, dann leben wir entschlossen und wirksam unseren Glauben. Vielleicht müssen wir dazu das eine oder andere loslassen.  Jesus ist in den Himmel aufgefahren und zum Vater heimgekehrt - jetzt sind wir dran. 

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