Impuls zu MT 10, 26-33

fürchtet euch nicht / Bild: Ylvers auf Pixabay
fürchtet euch nicht
Ylvers auf Pixabay

Evangelium: Mt 10,26-33 † Aus dem heiligen Evangelium nach Matthäus.

In jener Zeit sprach Jesus zu seinen Aposteln: Fürchtet euch nicht vor den Menschen! Denn nichts ist verhüllt, was nicht enthüllt wird, und nichts ist verborgen, was nicht bekannt wird. Was ich euch im Dunkeln sage, davon redet im Licht, und was man euch ins Ohr flüstert, das verkündet auf den Dächern!  Fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib töten, die Seele aber nicht töten können, sondern fürchtet euch eher vor dem, der Seele und Leib in der Hölle verderben kann! Verkauft man nicht zwei Spatzen für einen Pfennig? Und doch fällt keiner von ihnen zur Erde ohne den Willen eures Vaters. Bei euch aber sind sogar die Haare auf dem Kopf alle gezählt. Fürchtet euch also nicht! Ihr seid mehr wert als viele Spatzen.  Jeder, der sich vor den Menschen zu mir bekennt, zu dem werde auch ich mich vor meinem Vater im Himmel bekennen. Wer mich aber vor den Menschen verleugnet, den werde auch ich vor meinem Vater im Himmel verleugnen.

Impulse:

Wenn man unsere Welt anschaut, kann man da nicht wirklich mit Recht sagen: Das ist eine gottlose Welt!? Mit all dem Schlimmen, was geschieht. Mit all den Katastrophen, den Unmenschlichkeiten, den Gräueln, dem Terror. Eine Welt, von der man sagen muss, dass Gott in ihr nicht vorkommt! Bei dieser Welt, da kann es doch keinen Gott geben! Das ist ein Einwand, oft gehört, den viele Menschen als bedrängend empfinden und dem wir uns immer wieder stellen müssen mit dem Versuch, darauf eine Antwort zu finden. In welcher Beziehung steht Gott zu dieser Welt? Können wir ihn in unserem Lebensumfeld erleben und erfahren? Wie? Auf welche Weise? 
 Im Evangelium haben wir eben gehört: „Kein Spatz fällt zur Erde ohne den Willen eures Vaters im Himmel!“ Das heißt doch: Nichts passiert ohne den Willen Gottes. Aber, so muss man dann doch mit Recht fragen können: Warum um Himmels willen will er das dann alles? Warum gibt es dann so etwas wie die jetzige Corona-Pandemie oder immer wieder auftauchende Flutkatastrophen, die Hunderttausende tötet und Millionen Menschen obdachlos macht?  Warum Hochhausbrände mit vielen unschuldigen Todesopfern oder Waldbrände, bei denen so viele Menschen ums Leben kommen? Warum hat es den 11. September 2001 gegeben? Warum gibt es Erdbeben, Hungersnöte, Terroranschläge, Kriege und Krankheiten? Warum gibt es dann all das viele persönliche Leid,  unter dem so viele Menschen zu leiden haben? Wenn nichts geschieht - nicht einmal der Tod von ein paar Spatzen - ohne den Willen Gottes: Warum will er das alles? Verständliche Fragen, aber sie beruhen auf einem Missverständnis, denn sie haben ein falsches Denken über Gott zur Voraussetzung. 
 Die Grundlage dieses falschen Denkens sind alte heidnische Götterbilder, die bis heute wirksam sind - vermutlich auch in vielen von uns. Es ist die Vorstellung einer Wechselbeziehung zwischen den Göttern und der Welt, die besagt: Ich kann die Götter beeinflussen. Durch Opfer, durch mein Verhalten kann ich sie entweder besänftigen oder erzürnen. Und dementsprechend verläuft mein Leben. Nach dieser Vorstellung greifen die „Götter“ in mein Leben, in diese Welt ein - oder sie lassen es, ganz wie sie es wollen. Wir unterliegen ihrer Willkür. Die alten griechischen und römischen Mythologien und Göttergeschichten erzählen ausgiebig von diesen Vorstellungen. Und so stellen sich Menschen bis heute noch Gott vor. Dabei machen sich diese alten heidnischen Bilder bemerkbar.  Jesus redet anders, ganz anders von Gott. Viel radikaler. Es ist nicht so, dass das eine von Gott herbeigeführt oder von ihm bewirkt ist und das andere nicht, sondern: Alles ist in Gott, nichts geschieht ohne ihn. 
 
Nach dem christlichen Gottesverständnis ist z.B. eine Krankheit nicht von Gott herbeigeführt, um jemanden zu „bestrafen“ oder um ihn zu „erziehen“, und jemand anders würde mit Gesundheit „belohnt“ werden. Ob jemand krank ist oder gesund, hängt nicht von einem willkürlichen Eingreifen Gottes ab.  Das ist einzig und allein Resultat von den verschiedenen Einflüssen, denen wir in unserer Welt ausgesetzt sind, nämlich von der Umwelt, den Genen, der Psyche usw. Oder ob Menschen bei einem Erdbeben ums Leben kommen oder nicht, ist nicht Resultat von Gottes „unerforschlichem Ratschluss“.  Das hängt einzig und allein davon ab, ob Menschen in einer seismologisch sensiblen Gegend erdbebensichere Häuser bauen oder eben nicht. Aber ob jemand krank ist oder gesund, ob es jemand gut geht oder schlecht - so und genau so ist er in Gott. Es gilt nicht: Die eine Situation ist von Gott gewollt, die andere nicht. Sondern: Alles ist mit Gott. Oder auch: Nichts ist ohne Gott. 
 Diese Aussage ist für Jesus so radikal, so bedeutungsvoll, dass er sagen kann: Weil das so ist, braucht ihr euch nicht zu fürchten. Ihr müsst euch nicht einmal fürchten, wenn die Bedrängnisse in eurem Leben so stark werden, dass sie euch sogar das Leben kosten könnten.  Mit dieser Aussage macht Jesus ja sogar selbst sehr deutlich, dass es auch für den glaubenden und guten Menschen Bedrängnisse und Schwierigkeiten geben kann. Aber die Wahrheit der Gegenwart Gottes, die Wirklichkeit, dass er mit uns ist, die ist so bedeutungsvoll, dass sie sogar diese Infragestellung des eigenen Lebens übertrifft. Und so kann er in diesem kurzen Abschnitt seiner Aussendungsrede zu den Jüngern sagen: „Fürchtet euch nicht vor den Menschen, die den Leib töten, aber der Seele nichts anhaben können.“ Fürchtet euch nicht! Das einzige, was ihr fürchten müsstet, ist, dieses Vertrauen zu verlieren - das Vertrauen in die Gegenwart Gottes bei allem, was dir im Leben begegnet. Wenn du dieses Vertrauen verlieren würdest, das wäre wirklich die Hölle, weil du dich dann allein, gottlos und verloren wähnen müsstest. 
Wir haben  im Evangelium die Übersetzung gehört, in der es heißt: „Kein Spatz fällt vom Himmel ohne den Willen eures Vaters im Himmel“. Wir denken mit unserem europäischen Verstand dann fast automatisch an eine mögliche Willkür Gottes, der das eine wollen könnte und das andere eben nicht. Im hebräischen Denken und Verständnis ist das ganz anders gemeint. Vielleicht könnte man richtiger und deutlicher sagen (wie es auch in der wörtlichen Übersetzung heißt): Kein Spatz fällt vom Himmel ohne euren Vater im Himmel. 
In der Tat: In allem, was uns begegnet, ist Gott mit uns. 

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