ALT - Katholisch?

Lässt nicht allein schon diese Vorsilbe Kirche „alt aussehen“?
Daher lautet auch eine häufig gestellte Frage von neuen Mitgliedern: Warum heißt unsere Konfession eigentlich so - obwohl sie doch gar nicht konservativ oder gar reaktionär ist?
Katholische Kirche mit voller Gleichberechtigung von Frauen und Männern!
Ohne mittelalterlich anmutende sakramentale Zwangsmaßnahmen wie Zölibats-Pflicht oder Ausschluss von der Eucharistie.
Geprägt von Mitbestimmung und –Verantwortung auf allen Ebenen…
Tatsächlich meint „alt“ in diesem Namen aber nicht einfach nur „aus Erfahrung gut“.

Im Gegenteil - die beiden wichtigsten alt-katholischen Anliegen haben sich im Lauf der letzten 150 Jahre als zunehmend aktueller erwiesen. Und das nicht nur wegen der allgemeinen gesellschaftlichen Entwicklung. Gerade auch angesichts sich verstärkender negativer religiöser Tendenzen in dieser Zeit ist alt-katholisches Gedankengut notwendiger denn je geworden.
1870 wurden auf dem 1.Vatikanischen Konzil (einer Art Parlament der römisch-katholischen Kirche) zwei damals neue Glaubensgrundsätze verkündet:

Zunächst das Dogma vom Jurisdiktionsprimat des Papstes. Deswegen beherrscht der Erzbischof von Rom (der gleichzeitig Oberhaupt des Vatikanstaates ist) seitdem allein und in letzter Instanz seine Kirche total. Die Gesetzgebung, die Regierung und die Rechtsprechung sind bei ihm in einer einzigen Person konzentriert. Alle drei Gewalten, die in demokratischen Staaten und synodal organisierten Religionsgemeinschaften aus guten Gründen getrennt sind. So etwas nennt die Geschichtswissenschaft wohlwollend „absolute Monarchie“. Oder, weniger beschönigend, Diktatur.

Das zweite Dogma behauptet, der Papst könne im Bereich des Glaubens und der Moral unfehlbare Aussagen machen. Mit anderen Worten: Ein Mensch allein sei in der Lage, die ganze Wahrheit über Gott und die Welt zu definieren.

Katholiken und Katholikinnen, die gegen diese neuen Beschlüsse protestierten, wurden aus der römischen Kirche exkommuniziert (ausgeschlossen). Sie fanden sich darum zu alt-katholischen Gemeinden und Bistümern zusammen.

Zunächst war der alt-katholische Protest eher prophetischer und lediglich theoretisch-theologischer Natur. Erst später stellte sich jedoch heraus, dass die neuen päpstlichen Dogmen auch praktisch ganz fatale Wirkungen und Nebenwirkungen zeitigten.
Denn anfangs war der absolute Herrschaftsanspruch des Papstes nur ziemlich eingeschränkt durchzusetzen – und blieb so relativ „harmlos“. Das 19. Jahrhundert war eben noch ein Zeitalter mit nur wenig entwickelten demokratischen Strukturen und ohne Gleichberechtigung von Frauen und Männern. Wo der Karteikasten das wichtigste Verwaltungsinstrument, der Raddampfer das modernste Verkehrsmittel und Morsesignale die schnellste Kommunikationstechnik darstellten. Rom war „weit weg“, Gefolgsleute des Vatikans wurden daher „ultramontan“ genannt. Das bedeutete, vom mitteleuropäischen Standpunkt aus gesehen, so viel wie: Jenseits der (italienischen) Alpen.

Seine volle Wirksamkeit entfaltete das Dogma erst rund 100 Jahre später. Jetzt wird einer beinahe „allmächtig“ gewordenen Kirchenleitung mit Computern eine mühelose globale Erfassung riesiger Datenmengen, durch Düsen-Jets die schnelle Überwindung größter Entfernungen und über Satelliten-Telefonverbindungen direkter Zugriff bis in die entferntesten Gegenden der Erde ermöglicht. Selbst die letzte Befreiungstheologin im brasilianischen Hinterland oder irgendeinen unbekannten Pfarrer, der in Neuguinea den Zölibat in Frage stellt: Die Männer des vatikanischen Überwachungs-Staates haben die Untertanen „im Griff“.
Die perfekte Kontrolle aller Bischöfe und Theologen auf „Linientreue“ durch einen zentralistischen päpstlichen Machtapparat ist garantiert. Persönlichkeiten wie Hans Küng und Jacques Gaillot sind längst kaltgestellt. Daran ändert sich auch dann nichts, wenn ausnahmsweise ein Johannes XXIII oder ein Franziskus ins Papst-Amt gelangen. Das durchaus willkürliche und in keinem Evangelium begründete Verbot der Weihe von Frauen zu Priesterinnen oder Bischöfinnen beispielsweise wird so „in Stein gemeißelt“ und überwacht. Der Vatikan nimmt dabei sogar in Kauf, gemeinsam mit einigen, nur ganz wenigen obskuren Staaten die Konvention der Menschenrechte nicht zu unterschreiben: Als ob es Gottes höchst persönlicher Wille sei, dass Frauen in der katholischen Christenheit diskriminiert werden müssen. Aber „Big Brother“ wird auch nicht dadurch besser, dass er fromm daher kommt.

Zu einem wesentlich größeren Problem ist allerdings noch die Behauptung persönlicher Unfehlbarkeit von Amts wegen geworden. Was ein Papst angeblich kann, das wollen dann auch viele andere können. Der absolut Ego-zentrierte Standpunkt, die eigene Weltsicht sei die einzig gültige und wahre, ist wohl der größte Irrtum. Er hat nicht nur dazu geführt, dass – global gesehen - die größte Konfession inzwischen die der Konfessionslosen ist. Weitaus verheerender hat er sich bis zum gefährlichen Beweggrund religiös motivierter Terroristen entwickelt.

Denn durch ihren Ausschließlichkeitsanspruch verhindert diese Haltung die Erkenntnis, dass JEDE Weltanschauung nur EINE mögliche Deutung der Wirklichkeit ist.
Von Albert Einstein, dem Begründer der Relativitäts-Theorie, stammt das Wort:
„Wer menschliche Autoritäten mit der Wahrheit verwechselt – wer sie sogar für die Wahrheit hält – vergisst, dass die Wahrheit selbst die einzige wirkliche Autorität ist.“

Und so ist in einer Zeit, wo international zunehmend Autokraten an die Macht gelangen und Fundamentalismus in verschiedensten religiösen Strömungen an Einfluss gewinnt, der alt-katholische Protest von 1870 aktueller als je zuvor.

Alt-katholische Gläubige sind fehlbare Menschen. Sie sollen sich vom Antrittsgesetz ihrer Kirche her auch immer dessen bewusst sein. Aus diesem Grunde lehnen wir es ab, „Reklame“ für eine Konfession zu machen oder zu „missionieren“.
Wenn man christliche Kirche vielleicht dennoch als eine Art PR-Agentur bezeichnen könnte, dann hat sie aus alt-katholischer Sicht nur ein Ziel: Werbung für die Liebe Gottes.

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